Die Formel steht in jeder Übersicht: 0,4 mal die Wandhöhe. Am eigenen Haus ergibt sie trotzdem selten das Maß, das gilt. Dafür sorgen drei Größen, und der Koeffizient ist keine davon.
Welchen Koeffizienten und welches Mindestmaß Ihr Bundesland ansetzt, stellt der Abstandsflächenrechner für alle sechzehn Länder mit Fundstelle und Prüfdatum zusammen. Dieser Beitrag behandelt die Rechnung selbst: woher H kommt, wie das Dach eingeht und wo die einfache Formel in die Irre führt.
Was das Gesetz „H“ nennt
H ist keine Abkürzung für Haushöhe, sondern ein Rechenwert, den das Gesetz selbst bildet und ausdrücklich benennt. Drei Landesbauordnungen schreiben das im letzten Satz des Absatzes hin.
Wie H entsteht — im Wortlaut
Die Tiefe der Abstandsfläche bemisst sich nach der Wandhöhe. Sie wird senkrecht zur Wand gemessen. Wandhöhe ist das Maß von der Geländeoberfläche bis zum Schnittpunkt der Wand mit der Dachhaut oder bis zum oberen Abschluss der Wand. Die Höhe von Dächern mit einer Neigung von weniger als 70 Grad wird zu einem Drittel der Wandhöhe hinzugerechnet. Andernfalls wird die Höhe des Daches voll hinzugerechnet. Die Sätze 1 bis 4 gelten für Dachaufbauten entsprechend. Das sich ergebende Maß ist H.
Bayern formuliert dieselbe Kette in Art. 6 Abs. 4 BayBO und schließt mit demselben Satz: „Das sich ergebende Maß ist H.“ Brandenburg ebenso in § 6 Abs. 4 BbgBO. Wer in einer Tabelle „0,4 H“ liest, liest also eine Verweisung — die Arbeit steckt in dem, worauf verwiesen wird.
Daran hängt eine Unterscheidung, die bei Wohnhäusern über das Ergebnis entscheidet: H ist nicht die Höhe, mit der dasselbe Gesetz die Gebäudeklasse bestimmt. Für die Gebäudeklasse zählt die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist, im Mittel über der Geländeoberfläche (§ 2 Abs. 3 Satz 2 SächsBO). Für H zählt die Wand bis zur Dachhaut, zuzüglich Dachanteil. Ein Haus kann deshalb in Gebäudeklasse 1 liegen und ein H von über acht Metern haben. Warum das zählt, steht weiter unten.
Woher H gemessen wird: die Geländeoberfläche
Alle vier für diesen Beitrag am amtlichen Portal gelesenen Bauordnungen setzen beim selben Begriff an. Definiert hat ihn nur eine von ihnen, und zwar in einem einzigen Satz, der die verbreitete Merkregel umdreht.
Die Legaldefinition — und der Vorbehalt darin
Geländeoberfläche ist die natürliche Geländeoberfläche, soweit nicht gemäß § 9 Absatz 3 des Baugesetzbuchs oder in der Baugenehmigung eine andere Geländeoberfläche festgesetzt ist.
Der häufigste Fehler steckt nicht im Rechnen, sondern in diesem Vorbehalt. Die natürliche Geländeoberfläche ist der Auffangfall, nicht die Regel. Steht in der Baugenehmigung oder im Bebauungsplan eine Höhenlage, dann gilt sie; § 9 Abs. 3 Satz 1 BauGB erlaubt der Gemeinde ausdrücklich, „auch die Höhenlage“ festzusetzen. Zwei Fehlrichtungen folgen daraus. Wer den Bauplatz auffüllt und ab Oberkante Schüttung misst, rechnet sich die Wandhöhe klein. Wer eine festgesetzte Höhenlage übersieht und auf das gewachsene Gelände abstellt, rechnet am falschen Nullpunkt — auch dann, wenn er sorgfältig misst.
Bayern und Sachsen führen keine solche Definition. Art. 2 BayBO ist mit „Begriffe“ überschrieben und nennt die Geländeoberfläche nur beiläufig, bei der Gebäudehöhe und beim Geschoss. In der Sächsischen Bauordnung steht das Wort an sechs Stellen und an keiner als Definition. Wo das Gesetz schweigt, füllen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung die Lücke — eine Zahl dafür nennt dieser Beitrag nicht, weil es keine gibt.
Wie Trauf-, First- und mittlere Wandhöhe am fertigen Bauwerk abgegriffen werden, zeigt der Ratgeber Wandhöhe und Firsthöhe messen mit Zollstock und Schnur.
Drei Dachformen, drei Rechnungen
Erster Fall, Flachdach. Hier greift die zweite Alternative des Gesetzeswortlauts: H endet am oberen Abschluss der Wand. Eine Dachhöhe, die hinzuzurechnen wäre, gibt es nicht.
Wandhöhe, oberer Abschluss 3,00 m
Dachanteil 0,00 m
H 3,00 m
0,4 × H 1,20 m
Zweiter Fall, Satteldach. Ein Haus von 10,80 m Breite, Traufe bei 6,50 m, First bei 10,70 m — das sind rund 38 Grad Dachneigung.
Dachhöhe 10,70 − 6,50 = 4,20 m
Dachanteil 4,20 ÷ 3 = 1,40 m
H 6,50 + 1,40 = 7,90 m
0,4 × H 3,16 m
Dritter Fall, Dachneigung genau 70 Grad. Hier trennen vier Wörter zwei Länder. Sachsen rechnet ein Drittel hinzu bei einer Neigung „von weniger als 70 Grad“, sonst voll — bei genau 70 Grad also voll. Bayern rechnet ein Drittel hinzu „bis einschließlich 70 Grad“ (Art. 6 Abs. 4 Satz 3 BayBO), bei genau 70 Grad also ein Drittel. Gerechnet an einem quadratischen Pavillon von 3,20 m Seitenlänge mit 4,00 m Wandhöhe, dessen Dach bei dieser Neigung 4,40 m hoch wird:
voll angerechnet H = 4,00 + 4,40 = 8,40 m → 0,4 × H = 3,36 m
ein Drittel H = 4,00 + 1,47 = 5,47 m → 0,4 × H = 2,19 m
Im ersten Modell trägt die Formel das Ergebnis mit 3,36 m. Im zweiten bleibt sie darunter, und der Fall wird vom Mindestmaß entschieden. Dasselbe Bauwerk, dieselbe Neigung — und welcher der beiden Werte überhaupt zum Zug kommt, hängt am Wortlaut der Neigungsschwelle.
Daraus folgt eine Offenlegung, die hierher gehört, weil eine Zahl ohne ihre Herleitung nicht überprüfbar ist. Der Rechner dieser Website setzt für alle sechzehn Länder ein Drittel der Dachhöhe an. Für Bayern und Sachsen ist das der Gesetzeswortlaut, keine Näherung. Für Hessen rechnet das Modell bei flachen Dächern zu viel: Dort setzt der Drittelzuschlag erst über 45 Grad ein (§ 6 Abs. 4 Satz 6 Nr. 1 HBO), das Modell verlangt also mehr Abstand als das Gesetz und liegt auf der sicheren Seite. Für Brandenburg und Niedersachsen liegt es auf der anderen: Brandenburg kennt keinen Bruchteil, sondern verlangt die Wandhöhe „bei Dächern oder Dachaufbauten … gesondert zu ermitteln“ (§ 6 Abs. 4 BbgBO), und Niedersachsen rechnet punktweise, dazu der nächste Abschnitt. In beiden Ländern trägt das Dach mehr als ein Drittel. Spürbar wird das erst über einer Wandhöhe von 7,50 m, weil darunter das Mindestmaß die Rechnung ohnehin überholt.
Niedersachsen rechnet nicht mit Abstandsflächen
Wer „Abstandsflächen Niedersachsen“ sucht, sucht mit einem Wort, das dort nicht im Gesetz steht. In der verkündeten Fassung der Niedersächsischen Bauordnung vom 3. April 2012 kommt „Abstandsfläche“ nullmal vor, und das Änderungsgesetz vom 18. Juni 2024 führt es auch nicht ein. § 5 NBauO ist mit „Grenzabstände“ überschrieben, und er beschreibt ein anderes Modell.
Gefordert ist nicht eine Fläche vor einer Wand, sondern ein Abstand für jeden einzelnen Punkt. Gebäude müssen „mit allen auf ihren Außenflächen oberhalb der Geländeoberfläche gelegenen Punkten“ Abstand halten. Gemessen wird zur nächsten Lotrechten über der Grenzlinie, und dann heißt es: „Er richtet sich jeweils nach der Höhe des Punktes über der Geländeoberfläche (H).“ So § 5 Abs. 1 NBauO. Es gibt in diesem Modell keine einzige Wandhöhe, sondern so viele H wie Punkte. Am First zählt die Firsthöhe — nicht ein Drittel der Dachhöhe.
Die Tiefe selbst beträgt seit dem 1. Juli 2024 0,4 H, mindestens 3 m; davor waren es 0,5 H (Gesetz vom 18. Juni 2024, Nds. GVBl. 2024 Nr. 51, Artikel 1 Nr. 1 Buchst. a und Artikel 6 Satz 1). Die Geländeoberfläche definiert Niedersachsen eigenständig und anders als Brandenburg, nämlich über das gewachsene Gelände: Abgrabungen sind zu berücksichtigen, Aufschüttungen nur, wenn sie das Gelände an das vorhandene oder genehmigte Niveau des Nachbargrundstücks angleichen. Festsetzen darf die Bauaufsichtsbehörde die Höhe, soweit das erforderlich ist (§ 5 Abs. 9 NBauO).
Zur Herkunft dieser Wortlaute: Zitiert ist die verkündete Fassung vom 3. April 2012, weil das niedersächsische Rechtsportal am 5. November 2026 nicht erreichbar war. Das Änderungsgesetz von 2024 hat § 5 nur in den Absätzen 2 und 4 neu gefasst — die Absätze 1 und 9 hat es nicht angetastet.
Wenn 3 Meter genügen, obwohl 0,4 H mehr ergibt
Sieben Landesbauordnungen tragen einen Satz, der die Rechnung bei kleinen Häusern abschneidet — nach oben, nicht nach unten.
Die Pauschale für kleine Häuser
Vor den Außenwänden von Wohngebäuden der Gebäudeklassen 1 und 2 mit nicht mehr als drei oberirdischen Geschossen genügt als Tiefe der Abstandsfläche 3 m.
„Genügt“ ist das tragende Wort. Der Satz zieht keine Untergrenze, sondern erklärt ein Maß für ausreichend — auch dann, wenn die Formel mehr verlangt. Gerechnet am Haus aus dem zweiten Dachbeispiel, diesmal mit Traufe bei 7,00 m und First bei 12,00 m, also rund 43 Grad:
Dachhöhe 12,00 − 7,00 = 5,00 m
Dachanteil 5,00 ÷ 3 = 1,67 m
H 7,00 + 1,67 = 8,67 m
0,4 × H 3,47 m
Ohne den Satz gelten 3,47 m. Mit ihm genügen 3,00 m. Das sind 47 Zentimeter je Außenwand, und auf einem schmalen Grundstück entscheiden sie darüber, ob das Haus so gebaut werden darf oder schmaler werden muss.
Hier wird die Unterscheidung von oben praktisch. Das Beispielhaus hat ein H von 8,67 m — ob es in Gebäudeklasse 1 oder 2 liegt, entscheidet dieses Maß aber gerade nicht. Dafür zählt die Fußbodenoberkante des obersten Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist, und die liegt bei einer Traufe von 7,00 m regelmäßig unter sieben Metern. Zwei Höhenbegriffe am selben Haus, zwei Bezugspunkte, zwei Endpunkte — wer sie gleichsetzt, prüft die Voraussetzung des Satzes am falschen Maß.
Nicht jedes Land hat ihn, und wo er steht, lautet er nicht überall gleich. Der Datensatz dieser Website führt den Satz für sieben Länder, und er teilt sie in zwei Gruppen: Berlin, Brandenburg und Thüringen schreiben „Gebäuden“ der Gebäudeklassen 1 und 2, Nordrhein-Westfalen, das Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt schreiben „Wohngebäuden“. Wo das Wort „Wohn“ fehlt, ist der Satz nach seinem Wortlaut nicht auf Wohngebäude beschränkt. Am amtlichen Portal nachgelesen wurden am 5. November 2026 Sachsen und Brandenburg; die Zeile Sachsen-Anhalts beruht auf einer Sekundärquelle, weil das Portal des Landes keinen durchsuchbaren Gesetzestext liefert. Die neun übrigen Länder führen den Satz in der zitierten Passage ihrer Landeszeile nicht — dass sie ihn an keiner anderen Stelle ihrer Bauordnung haben, behauptet dieser Beitrag nicht.
Für ein Gartenhaus ändert die Pauschale nichts: Dort liegt 0,4 H ohnehin weit unter drei Metern. Sie zählt beim Wohnhaus, beim Anbau und beim aufgestockten Dachgeschoss.
Bayern kennt den Satz nicht — Art. 6 Abs. 5 BayBO besteht aus drei Sätzen, und keiner nennt die Gebäudeklassen. Benutzt werden sie dort im Gegenteil, um die Tiefe zu erhöhen: Nach Art. 6 Abs. 5a Satz 1 BayBO beträgt die Abstandsfläche in Gemeinden mit mehr als 250 000 Einwohnern 1 H statt 0,4 H, wenn die nähere Umgebung überwiegend durch Gebäude der Gebäudeklassen 1, 2 oder 3 geprägt ist. Dieselbe Eigenschaft eines Hauses senkt die Tiefe in sieben Ländern auf ein pauschales Maß und hebt sie in den größten bayerischen Gemeinden auf das Zweieinhalbfache.
Wo diese Rechnung endet
Drei Fragen beantwortet dieser Beitrag nicht, und jede hat ihren eigenen Ort. Wie viel Meter Ihr Land verlangt, steht mit Fundstelle und Prüfdatum beim Abstandsflächenrechner; für Hessen und Hamburg führen die Landesseiten Hessen und Hamburg die Paragraphenkette im Einzelnen. Ob Ihr Vorhaben ganz ohne eigene Abstandsfläche an die Grenze darf, entscheidet die privilegierte Grenzbebauung — die Bedingungen erklärt der Ratgeber Grenzbebauung und die 9-Meter-Regel, die verbleibende Wandlänge an einer teils bebauten Grenze rechnet der Grenzbebauungsrechner aus. Und für den häufigsten Einzelfall, das Gartenhaus am Zaun, führt der Ratgeber Wie nah darf das Gartenhaus an die Grundstücksgrenze? beide Wege nebeneinander durch.

